Leseproben Romantasy, Chick Lit und Historicals

 

 

„Es ist zwar früh, aber ich bin todmüde. Habt ihr etwas dagegen, wenn ich mich schlafen lege?“

 

Jake erhob sich. „Keineswegs, wir sind auch froh, einmal vor Mitternacht zu Bett zu gehen, nicht wahr, Liebes?“

 

Der Blick, mit dem er Melody bedachte, löste in ihr heiß-kalte Schauer aus. Weil sie ihrer Stimme nicht traute, nickte sie.

 

Nachdem Tina sich für die Nacht verabschiedet hatte, musterte sie Jake scharf. Doch davon bemerkte er nichts. Er trug die Gläser und die Weinflasche in die Küche und Melody nutzte die Gelegenheit und lief nach oben, bemüht unbemerkt von Tina in ihrem Schlafzimmer zu verschwinden, aber vor allem, ehe Jake heraufkam.

 

Tatsächlich betrat diese das Gästezimmer, ohne Melody zu bemerken. Eilig huschte sie über die Treppe nach oben und erreichte die Tür. Ihre Hand legte sich auf die Klinke und im nächsten Moment hörte sie das Knarzen der obersten Treppenstufe. Als sie sich herumdrehte, stand sie Jake gegenüber. Er war so nah, dass er kaum den Finger heben musste, um sie zu berühren. Sie atmete flach, um seinen männlichen Duft nicht zu inhalieren, und versuchte, die Wärme seines Körpers zu ignorieren, die sie förmlich einhüllen wollte. Sie trat einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Tür.

 

„Tina ist im Gästezimmer. Du kannst gehen“, erklärte sie mit gepresster Stimme. „Das Sofa im Wohnzimmer ist sehr bequem. Und es ist warm genug, das Plaid, das auf der Lehne liegt, wird reichen.“

 

„Hmmmm.“ Der Laut klang verheißungsvoll und gleichzeitig beiläufig.

 

Melody tastete unbeholfen nach der Klinke, ohne sich von Jake abzuwenden, was ohnehin kaum möglich gewesen wäre.

 

„Wir spielen das glückliche Ehepaar, vergiss das nicht“, raunte er und beugte sich vor.

 

Sein Atem wehte über ihr Gesicht und seine Körperwärme brannte auf ihr wie von einem Heizstrahler ausgehend. Sie unterdrückte das Verlangen, sich an ihn zu schmiegen und mit ihren Händen über seinen Bizeps und seine Brust zu streicheln. Stattdessen lächelte sie ihn an, bekam die Türklinke zu fassen und drückte sie herunter.

 

Ihr Vorhaben, ins Zimmer zu huschen und Jake auszusperren, wurde vereitelt, indem er sich hinter ihr in den Raum drängte. Sie versuchte, ihn hinauszuschieben, aber das erwies sich als ähnlich erfolgreich wie der Versuch, eine Steinmauer mit bloßen Händen bewegen zu wollen.

 

Sie wich aus und trat neben das Fußteil des Bettes, sodass dieses zwischen ihnen stand. Empört entdeckte sie, dass er seine Jogginghose und das T-Shirt, in dem er schlafen wollte, ganz selbstverständlich auf die Matratze gelegt hatte.

 

Melody streckte ihren Arm aus und deutete mit dem Zeigefinger auf seine Kleider. Das Zittern ihrer Hand zeigte nur ihre Wut, redetet sie sich ein, während sie das lustvolle Kribbeln in ihrem Innern ignorieren wollte.

 

„Was ist das?“, fragte sie entrüstet.

 

„Hose und T-Shirt.“ Jake verschränkte die Arme und schenkte ihr ein überhebliches Lächeln. Dieser Mistkerl wollte doch nicht tatsächlich in ihrem Bett schlafen?

 

„Das sehe ich selbst!“, zischte Melody und fühlte Hitze auf ihren Wangenknochen brennen.

 

Schweigend umrundete er das Bett und kam näher. Mit einem Satz sprang Melody über die Matratze, verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Sie purzelte genau auf Jakes T-Shirt, das unverschämterweise nach ihm roch und in ihrem Innern ein sehnsüchtiges Ziehen auslöste. Am liebsten hätte sie vor Empörung aufgeschrien.

 

Sie kletterte und hüpfte vom Bett und feuerte zornige Blicke auf Jake ab, während sie sich ihre widerspenstigen Haarsträhnen zurechtstrich.

 

„Ich verstehe, kluger Schachzug! Falls Tina sich hier hereinverirrt hätte, sähe es danach aus, als würdest du hier schlafen, so wie es sich für ein frisch verheiratetes Ehepaar gehört. Danke, dass du so vorausschauend warst. Jetzt nimm dir ein Kopfkissen und ab ins Wohnzimmer!“ Sie flüsterte, damit Tina nicht zufällig Ohrenzeugin ihres Geplänkels wurde.

 

„Ich werde dich garantiert nicht allein in diesem Zimmer zurücklassen, während nebenan eine wildfremde Person nächtigt, die sich als Irre oder Profikillerin entpuppen könnte.“

 

„Das ist Tina! Unsere Nachbarin, weißt du noch?“

 

Jake runzelte die Stirn. „Wir kennen sie nicht, und nur, weil sie im Haus neben dem unseren wohnt, heißt das nicht, dass sie harmlos ist.“

 

„Raus“, befahl Melody mit zusammengepressten Zähnen. Als er nicht gehorchte, deutete sie mit dem Zeigefinger auf die Tür. „Verschwinde, Jake Harper. Ich denke nicht daran, mit dir in einem Zimmer zu nächtigen.“

 

„Das hatte ich auch nicht im Sinn. Dieses Bett ist breit genug für uns beide“, gab er ungerührt zur Antwort.

 

Melody schnaubte. Dann würde sie gehen. Sie raffte die Bettdecke an sich und versuchte, zur Tür zu gelangen, doch Jake war schneller. So schnell, dass sie nicht einmal in die Nähe der Zimmertür gelangte. Seine Brust schob sich vor ihr Sichtfeld. Sie ließ die Decke fallen, hob die Fäuste und trommelte gegen seinen Oberkörper. Es war, als schlüge sie gegen eine Wand aus Beton.

 

„Wenn du fertig bist, gib mir Bescheid“, meinte er kaltschnäuzig.

 

Mit einem empörten Laut verdoppelte sie ihre Anstrengungen, bis er offenbar genug hatte und ihre Hände packte. Statt in irgendeiner Weise grob zu werden, küsste er ihre Fingerknöchel. Gegen Sanftheit war sie willenlos und ihr anfänglicher Widerstand erlahmte rasch. Jakes warmer Atem strich über ihre Haut und die Berührung seiner Lippen ließ sie beben.

 

Ein letztes Mal probte sie die Gegenwehr, nur um ihm dann entgegenzusinken.

 

Plötzlich war die Luft erfüllt vom üppigen Duft wilder Rosen, der sie umschmeichelte.

 

Die Königin der Blumen stand für Liebe, kam Melody in den Sinn. Gegen ihren Willen bebte sie verlangend. Jake war ihr viel zu nah. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Als sie in seinen türkisblauen Augen versank, war ihr, als blicke sie auf den Grund seiner Seele, ebenso wie er in die ihre. Das Herz schlug so wild in ihrer Brust, dass sie glaubte, man müsste das Poltern deutlich hören.

 

Er schlang den Arm um ihre Taille und zog sie an sich, sie stolperte über die Bettdecke zu ihren Füßen und prallte gegen seinen Oberkörper.

 


Die Harley tuckerte über das holprige Pflaster und das dumpfe Motorenbrummen klang wie ein depressiver Braunbär, während Ian es an Häuserreihen, Vorgärten und der Rückseite von Verkaufsständen vorbeilenkte, die man außerhalb der Reihenhäuser auf der grünen Wiese hinter dem Örtchen Culloden errichtet hatte.

 

Madlyn hatte sich die ganze Fahrt über an seinen Rücken geschmiegt und Ian hatte noch nie eine Spritztour so sehr genossen. Auch wenn er Schwierigkeiten gehabt hattte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren.

 

Ian erhaschte im Vorbeifahren ein Banner, auf dem der Grund für die Festivität angegeben war. Auf Höhe des Parkplatzes hielt er an und klappte das Visier seines Helms hoch.

 

„Sollen wir uns den Markt ansehen?“ Er sah über die Schulter zu Madlyn. Natürlich ahnte er bereits, dass sie zustimmen würde, denn sie liebte es, über Märkte jeglicher Art zu schlendern. Damit hatte sie wohl ihre Pflegemutter angesteckt, die dafür oft stundenlange Anfahrten in Kauf nahm.

 

„Sehr gerne! Ich liebe derartige Dorffeste!“ Madlyn strahlte.

 

Ian lenkte seine Maschine auf den Parkplatz und fand eine passende Lücke, um sie abzustellen.

 

Sie legten die Helme ab und schlenderten händchenhaltend zu den Ständen. Am ersten verkaufte eine großmütterlich wirkende Frau Honig aus den Highlands, hausgemachte Marmeladen und Whiskyliköre. Auch an den folgenden Verkaufstischen gab es die Ergebnisse schottischer Handarbeits- und Handwerkskünste zu sehen.

 

Schließlich erreichten sie ein mittelalterlich wirkendes Zelt, aus dem ein bärtiger Mann im Kilt mit einem Dudelsack trat. Er spielte eine eingängige Melodie und pries sich als Schottlands bester Barde an.

 

Madlyn strahlte. „Wollen wir zuhören?“

 

Ian konnte nicht widerstehen und stahl ihr einen kurzen Kuss. „Alles, was du willst.“ Er verspürte kein Interesse an derartigen Erzählungen, als Zeitzeuge wusste er besser über die damaligen Geschehnisse Bescheid als jeder andere. Er hatte all das, worüber Historiker forschten und Geschichtsbücher erzählten, erlitten und erlebt. Euphorisch hatte er sich vor Bonnie Prince Charlie verbeugt und später desillusioniert auf sein Grab gespuckt. Ian hatte sein Volk pulsierend vor Hoffnung erlebt und bis ins Mark gedemütigt. Er hatte gesehen, wie die Krieger seines Clans abgeschlachtet wurden.

 

Nichts reizte ihn weniger, als den heroischen Berichten von Leuten zu lauschen, die niemals ermessen konnten, was es bedeutet hatte, leibhaftig Teil des Ganzen zu sein. All den Schmerz, das Elend und den Kummer zu ertragen, die den Jahren und Jahrzehnten nach der Schlacht folgten.

 

Dennoch betrat er das Zelt hinter Madlyn. Es roch nach Pferd, war düster und die Bänke für das Publikum standen im Halbkreis. Der Barde saß in der Mitte auf einem Hocker und wartete, bis seine Zuhörer vollzählig waren.

 

Madlyn und Ian ergatterten einen Platz beim Ausgang. Sie saß so eng neben ihm, dass ihre Körper fast zusammengewachsen hätten sein können und griff nach seiner Hand.

 

Er schloss seine Finger um ihre.

 

„So hört nun die wahren Geschehnisse aus den Tagen der Schlacht bei Culloden!“, dröhnte die Stimme des Erzählers salbungsvoll durch das Zelt. „Ich berichte euch vom Niedergang der MacScotts, einem der edelsten und ältesten Highland-Clans.“

 

Madlyn stieß Ian aufgeregt an. „Deine Vorfahren!“ Sie lächelte.

 

Ian verzog seine Miene und rutschte ungeduldig hin und her. Wäre ihm bekannt gewesen, dass der Mann ausgerechnet eine Geschichte über seine Familie erzählen würde, hätte er sich geweigert einzutreten. Er wollte nichts über das ruhmlose Ende seiner Familie erfahren, er war der letzte MacScott. Mit ihm war der Clan gestorben.

 

„Es war doch keine gute Idee. Lass uns wieder gehen!“ Ian kämpfte gegen seine Unruhe und Vorahnung an. Wie sollte er Madlyn erklären, dass er tatsächlich ein MacScott war, wenn alle Geschichtsbücher und jedes Register bestätigte, dass die Ahnenreihe mit dem jungen Clan Chief auf dem Schlachtfeld Cullodens gestorben war.

 

„Nein, auf keinen Fall, ich will die Geschichte hören!“, wisperte Madlyn.

 

Ian biss die Zähne zusammen, zog sie an sich, indem er den Arm um ihre Schultern legte und ließ dem Unheil seinen Lauf.

 

Der Barde erzählte vom sechzehnten April siebzehnhundertsechsundvierzig und Ians Gedanken wanderten unweigerlich dorthin. Er erinnerte sich an die Erschöpfung und den Schneeregen, der ihm ins Gesicht stach wie Dutzende eisige Nadelstiche, ganz so, als wäre es gestern gewesen. Es hatte eine Kälte geherrscht, die auf seiner Haut brannte und seine Zehen gefühllos werden ließ.

 

Fünftausend andere Highlander waren ebenfalls von den Strapazen gezeichnet. Und doch, sie alle waren hoffnungsfroh gewesen, auch wenn nicht nur den Klügsten und Erfahrensten unter ihnen bewusst war, dass sie David gegen Goliath waren.

 

Doch Ian war nicht irgendein Highlander, er war der Chieftain. Die MacScotts aus den Grampians besaßen den Ruf, die furchtlosesten Krieger des Hochlandes zu sein. Ihn und seinen Clan schreckten weder Unwetter noch Müdigkeit und am geringsten die Übermacht der Engländer.

 

Zum Teufel, sie waren die MacScotts! Und Ian, als das jüngste Clanoberhaupt auf dem Schlachtfeld hatte seiner Mutter Fiona geschworen, siegreich heimzukehren. Er hatte den Frauen des Clans versprochen, ihre Väter, Ehemänner, Söhne und Brüder heil zurückzubringen und hatte hundertfach versagt. Seine Schmach war grenzenlos und er hatte sich geschämt nach diesem Debakel nach Hause zurückzukehren.

 

Obwohl unzählige Feinde durch seine Klinge starben, rettete er nicht einen seiner Leute, nicht einmal sich selbst. Auch er ließ sein Leben auf diesem verfluchten Schlachtfeld im Moor.

 

Der Schmerz in seiner Brust rief Ian in die Gegenwart zurück. Er schüttelte den Kopf. Das alles war Vergangenheit. Vorbei. Lieber konzentrierte er sich auf Madlyn an seiner Seite und die Stimme des Barden.

 

Der Mann unterhielt das Publikum mittlerweile mit der Legende um den Geist des jungen MacScotts, der in sein Heimatdorf zurückkehrte, um Rache an einem Verräter zu nehmen. Endlich kam der Geschichtenerzähler zum Schluss, aber während die anderen Zuhörer aus dem Zelt strömten, blieb Madlyn sitzen.

 

Sie wirkte verstört. „Das stimmt doch nicht. Die Linie der MacScotts ist nicht ausgestorben.“ Blinzelnd erhob sie sich und starrte aufgebracht auf den Barden. „Wie kann er solch einen Unsinn erzählen?“

 

Ehe Ian sie zurückhalten konnte, stand sie schon bei dem Mann.

 

„Ihre Geschichte ist falsch“, erklärte sie ihm.

 

Der Bärtige musterte Madlyn amüsiert. „Ach ja? Wie kommen Sie darauf, junge Dame?“

 

Sie runzelte die Stirn und deutete auf Ian. „Mein Freund ist ein MacScott.“

 

Der Erzähler warf Ian einen kurzen Blick zu. „Ist er das, ja? Meine Liebe, mein Ururururgroßvater wusste zweifelsfrei zu berichten, dass die MacScotts allesamt an jenem Tag starben.“

 

Der Mann tätschelte ihren Arm und führte sie mit sanfter Bestimmtheit aus dem Zelt. „Der Clan existiert nicht mehr, junge Dame.“

 

 

 



Aphrodites Söhne - Unsterbliches Verlangen

Teil 1 - der Unsterblichen Reihe

 

Die Musik dämpfte Macs rebellierende Gedankenflut für eine Weile. Getragen von den Klängen waren seine Unruhe, sein Kummer und die Sehnsucht nicht entschwunden, aber das Musizieren war seit jeher ein adäquates Ventil für seine Melancholie, die ihn regelmäßig in dieser Zeit des Jahres überkam.

 Während er sich der Melodie hingegeben hatte, war die nervige Lorelai wie aus dem Nichts aufgetaucht. Wieder einmal. Wie ein Gespenst stand sie in der Tür und lauschte seinem Klavierspiel. Sie war stumm geblieben und als Mac sich zu ihr umgewandt hatte, geschah etwas Seltsames: Er blickte in ihre Augen, und statt der impertinenten Person fand er eine verwandte Seele, wo er es am wenigsten erwartet hatte. Einen Herzschlag lang fühlte es sich an, als wären sie Eins. Als sei die Realität nur eine Illusion. Als bestünde die gesamte Welt aus ihr und ihm. Es hatte greifbar gewirkt. Echt.

 Das Zischen des kochenden Wassers riss Mac aus seinen Überlegungen und er schüttelte erstaunt den Kopf. In der Tiefe der Nacht kam man auf die bizarrsten Gedanken. Er war alt und erfahren genug, um zu wissen, dass es so etwas wie Seelenverwandtschaft nicht geben konnte. Er hatte lediglich in einem schwachen Moment seine geballten Sehnsüchte auf die erstbeste Person gelenkt, die er erblickte.

 Mac schaltete den Wasserkocher aus, goss sich die Tasse voll und beobachtete die Teeblätter dabei, wie sie das Wasser färbten. Er warf den Filter fort, gab Zucker und Milch hinein und setzte sich an den Tisch.

 Er fühlte sich müde, alt und allein. Seit Jahrzehnten schon hatte er nicht mehr an Ares gedacht. Warum hatte der Kriegsgott ausgerechnet ihn erwählt? Zu deutlich erinnerte er sich an dessen Anweisung, auf sein Zeichen zu warten. Eines, das nie kam. Nur der riesige Hund des Olympiers tauchte wiederholt auf, wie ein Mahnmal oder ein Aufpasser. Was aber war mit den griechischen Göttern passiert? Ihre Tempel waren zerstört, ihre Anhänger längst zu Staub zerfallen. Vielleicht hatte es ihren Tod bedeutet, als die neuen Religionen sie in die Bedeutungslosigkeit gedrängt hatten. Und nur Ares’ Hund und er, verflucht zur Unsterblichkeit, waren übriggeblieben.

 Vergessen in den Fluten der Unendlichkeit und ihr ausgeliefert. Der ewig Ertrinkende, der niemals errettet wurde.

 Unzählige Leben hatte er gelebt, so viele Menschen kennengelernt und begraben.

 Kälte breitete sich in ihm aus. Er kannte dieses Gefühl, das ihn stets heimsuchte und dem er nie entrinnen konnte. Die Sterblichen nannten es Einsamkeit, für ihn war es jedoch sein ältester, sein treuster Freund. Der Einzige, der ebenso unvergänglich war wie er selbst.

 Er verabscheute seine Unsterblichkeit. Er ertrug es nicht, zusehen zu müssen, wie geliebte Menschen um ihn herum alt wurden, starben und ihn zurückließen.

 Ein Geräusch warf ihn ins Hier und Jetzt zurück. Vorsichtig wurde die Tür aufgeschoben, und eine wilde, silberblonde Haarmähne wurde sichtbar. Mac unterdrückte ein Stöhnen und versuchte den aufflammenden Ärger mit einem Schluck Tee zu löschen.

 „Entschuldigung“, sagte Lorelai ungewohnt sanft. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

 Mac zuckte mit den Schultern.

 Sie kam herein, und ihr Blick wanderte in der Küche herum.

 „Kann ich irgendwie helfen? Benötigen Sie etwas?“ Immerhin war sie Dianes Gast. Sie sah ihn an, und ihre grünen Augen glitzerten. Er konnte förmlich spüren, wie sie sich zur Zurückhaltung zwang. Gern hätte er sich glücklich geschätzt, aber vermutlich währte diese Freude nicht lange. Sie war in Amrhán, um ihn zu interviewen. Garantiert würde sie nicht so schnell und vor allem so leicht aufgeben. Was war nur aus der guten alten Zeit geworden, als die Frauen Heim und Kinder versorgten und den Männern nicht auf die Nerven gingen?

 Wie zur Bestätigung verstärkte sich das Leuchten auf ihrer Miene. Sie schien von innen heraus zu strahlen. Gern hätte er sich eingeredet, dass ihre Erregung eher erotischer Natur denn mit der Aussicht auf ein Wortgefecht zu tun hatte.

 „Ja, Wasser“, erklärte sie.

 „Wie bitte?“ Verständnislosigkeit lähmte für einen Augenblick sein Hirn.

 „Sie fragten, ob ich etwas benötige“, entgegnete sie geduldig. Das Funkeln in ihren Augen wurde einen Tick fies. „Ich wollte mir eine Flasche Wasser holen.“

 Wortlos stand Mac auf und ging in die Speisekammer, um ihr das Gewünschte zu überreichen.

 „Danke.“ Sie nahm das Getränk entgegen, den Blick unheilvoll auf ihn gerichtet.

 Brüsk wandte er sich ab und setzte sich an den Tisch. Der Tee, seine Lieblingsmischung, schmeckte auf einmal wie muffiges Heu.

 Lorelai nahm ihm gegenüber Platz. Ihre triumphierende Miene ließ vermuten, dass sie sich bereits im Flieger zurück nach Deutschland sah.

 Macs Laune sank um einige Grade. Er wollte seine Ruhe. Er hatte kein Interesse an einem Interview, und er würde sich nicht dafür hergeben, dass sich eine kleine Journalistin auf seinem Rücken einen Namen machte. Weshalb sonst stellte sie ihm nach? Vermutlich hatte man ihr eine Beförderung oder eine Gehaltserhöhung versprochen, wenn sie den scheuen Bildhauer zu einem Gespräch überreden konnte. Seine Zurückweisungen schienen sie eher anzustacheln als zu verscheuchen. Sie benahm sich, als wäre es von größter Wichtigkeit, mit ihm in Kontakt zu kommen.

 Lorelai strahlte ihn an, und ganz gegen seinen Willen begegnete er ihrem Blick wie hypnotisiert. Warum bemerkte er erst jetzt, dass ihre grüne Iris einen goldenen Rand besaß? Ihr Duft wehte herüber, eine aphrodisierende Mischung aus Frau, Schlaf und süßem Parfüm. In ihm erwachte das sexhungrige Biest, jenes Überbleibsel aus der Vorzeit, als Mann Frau packte und sie rücksichtslos begattete. Er ballte seine Hände zu Fäusten und biss die Zähne zusammen. Sein Kopf wollte Lorelai nicht in seiner Nähe haben, leider widersprach ein gewisser Körperteil dem energisch und deutlich fühlbar.

 Sie war eine wunderschöne Frau, selbstbewusst und leidenschaftlich. Er müsste blind, blöd und impotent sein, um das nicht zu bemerken, obendrein sprach sie seine Männlichkeit auf einer Ebene an, die ihm Angst verursachte. Bestimmt war er nicht der einzige Mann, der so auf sie reagierte, wer wusste schon, wie oft sie das als Waffe eingesetzt hatte, um zu bekommen, was sie wollte. An ihm würde sie sich jedoch die Zähne ausbeißen!

 


Pfingstrose

- The Wayward Gentlemen 3

 

Bereits die Begrüßung der Buckley-Frauen war kräftezehrend gewesen und seitdem die Haustür mit einem Krachen hinter Lizzie ins Schloss gefallen war, hatte sie sich wie in einer Gefängniszelle gefühlt.

 Nun saß sie auf dem Diwan im Salon der Buckleys, der so englisch wirkte, dass sie kaum glauben konnte, nicht in London zu sein. Sie vermisste Caine schrecklich. Seit der ersten Begegnung waren sie nie länger als ein paar Stunden voneinander getrennt gewesen und nun hatten sie einander fast einen ganzen Tag lang nicht mehr gesehen. Bereits der Gedanke verursachte Lizzie Schmerzen. Am schlimmsten fand sie, dass er trotz seines Versprechens den Morgenbesuch nicht wahrgenommen hatte.

 „Fühlen Sie sich wohl, Miss Reardon?“ Lady Buckley wandte sich Lizzie besorgt zu.

 Sie lächelte gezwungen und schüttelte den Kopf. „Die Aufregung hat mich stärker mitgenommen, als ich dachte.“ Tröstend tätschelte die Lady Lizzies Hand. Die blonden Ringellöckchen ihrer Frisur wippten im Takt der Bewegungen und sie lächelte sowohl gütig als auch aufmunternd. „Liebe Miss Reardon, natürlich machen Sie sich schreckliche Sorgen! Aber seien Sie unbesorgt, mein Gatte und die Armee Ihrer Majestät werden alles tun, um Ihre Familie wohlbehalten zurückzubringen!“ Ohne auf Lizzies Erwiderung zu warten, wandte sich die Lady an ihre Tochter Philippa, deren Frisur, der der Mutter bis ins kleinste Detail glich. „Liebes, setz dich ans Klavier und spiel uns etwas vor. Musik ist eine wundervolle Ablenkung.“ Sie schenkte Lizzie ihre Aufmerksamkeit, während sich Philippa gehorsam am Piano Platz nahm. Das Mädchen war im Gegensatz zur Mutter grazil und zurückhaltend, aber bedauerlicherweise eine grauenvolle Klavierspielerin. Sie selbst schien sich wenig Illusionen hinsichtlich ihrer Begabung zu machen, leider war die Mutter eine so unkritische Zuhörerin, dass es ihr nicht auffiel. Oder es war ihr schlicht gleichgültig.

 Lizzie fing den unglücklichen Blick des Mädchens auf. „Oh bitte Lady Buckley, ich verspüre leichte Kopfschmerzen. So sehr ich Musik liebe, mir wäre doch wohler zumute, wenn wir einen anderen Zeitvertreib finden könnten.“

 Die mollige Dame stieß einen enttäuschten Laut aus und deutete ihrer Tochter sich vom Klavier zu erheben. Mit erkennbarer Erleichterung sank diese zurück in den Sessel.

 „Vielen Dank, Lady Buckley.“

 Über den Kopf ihrer Mutter nickte Philippa ihr verschwörerisch zu. Das Mädchen erwies sich zusehends als wohltuende Vertreterin der Buckley-Familie. Wenn Lizzie länger hierbleiben musste, wollte sie versuchen, sich mit ihr anzufreunden. Die jüngere Schwester, die auf den bedauerlich pompösen Namen Philomena hörte, saß ein wenig abseits und stichelte mit verbissener Miene an ihrer Stickerei herum.

 

Endlich war der Tag vorüber, und Lizzie konnte sich zurückziehen. Lady Buckley hatte sie den ganzen Tag umflattert wie ein aufgeregtes Vögelchen, dazu die beiden ständig plappernden Töchter, die zwar auf ihre Art reizend, aber nichtsdestotrotz nervtötend waren. Lizzie rieb sich die Stirn. Das ertrug sie keine Woche! Außerdem war sie schlicht zu aufgewühlt, um untätig herumzusitzen und zu warten, bis ihr irgendwann, irgendwer die Nachricht über den Verbleib ihres Bruders und ihrer Schwägerin überbringen würde.

 Caine war weder zu Besuch erschienen noch hatte er ihr eine Nachricht gesandt und nun stand ihr bereits die zweite Nacht ohne ihn bevor. Für sie hätte genauso gut der Ozean zwischen ihnen liegen können, es wäre nicht schlimmer gewesen.

 Trübselig lehnte sie am Fensterbrett und beobachtete die Abendröte. Ob Caine diesen wunderbaren Anblick in diesem Moment ebenfalls genoss? An Bord der Tea Princess waren die gemeinsamen Minuten, in denen sie den Sonnenuntergang betrachtet hatten, immer die intensivsten Momente an seiner Seite gewesen.

 Es reizte sie kaum, sich ihr Zimmer näher anzusehen. Wie alles an den Buckleys und ihrem Haus erwies sich auch das Gästezimmer als üppig und zutiefst britisch, hauptsächlich jedoch war es überladen: zu viel Muster, Spitze und Farbe. Sie seufzte und sank ermattet auf das Bett.

 Wenn sie nur nicht zur Untätigkeit verdammt wäre! Am liebsten würde sie auf eigene Faust nach Hongkong reisen und die Entführten ausfindig machen. Einer Dame würde man nie zutrauen, dass sie derartiges im Sinn hatte.

 Sie fuhr aus dem Bett hoch. Das Herz raste so sehr, dass sie das Pochen bis in ihrem Kehlkopf fühlte und Schwierigkeiten hatte zu schlucken.

 

Die Lösung war einfach. Zu einfach.

 

Lizzie wartete, bis alle im Haus der Buckleys schliefen. Dann schlüpfte sie in Jakes alte Kleider, die sie seit der Überfahrt in ihrer Tasche herumtrug. Sie kontrollierte ihr Aussehen im Spiegel. Im Dunkeln konnte sie als Junge durchgehen. Auf dem Kopf saß die Kappe, die ihr langes Haar verdeckte und tief ins Gesicht gezogen die weiblichen Züge verbarg. Sie steckte die Hände in die Hosentaschen und grinste ihr Spiegelbild an. Jetzt hieß es, das Haus heimlich zu verlassen und so huschte sie aus ihrem Zimmer. Die Schuhe in der Hand schlich sie den Gang bis zur Treppe entlang und schaffte es bis zur Haustür. Sie trat ins Freie, zog den Eingang zu und hielt ängstlich die Luft an, während sie lauschte, ob sich im Haus etwas regte, doch es blieb still. Also schnürte sie das Schuhwerk und hastete in die Nacht.

Erst als sie das Ende der Straße unbehelligt erreicht hatte, atmete sie auf. Langsam wurde es ihr zur Gewohnheit, davonzulaufen. Je weiter sie sich aus dem britischen Viertel entfernte, umso lebhafteres Treiben herrschte. Zwar waren kaum Kulis und Karren unterwegs und wenn, dann waren die Arbeiter erschöpft von den Mühen des Tages und der Nacht.

Sie kam an einem Haus vorbei, dessen hell erleuchtete Fenster und der Gesang verrieten, dass es sich um ein Teehaus handeln musste. Die Tür flog auf und heraus taumelten ein Chinese und seine Begleiterin. Beide waren offenkundig betrunken. Er hatte seinen Arm um die Schultern der Frau gelegt, doch es war sie, die ihn hielt, nicht umgekehrt. Der Mann sah zu Lizzie und brüllte sie an. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, sie senkte den Blick und eilte so rasch davon, dass sie beinahe rannte. Ihre Flucht, die ihr vor Kurzem abenteuerlich und heroisch erschienen war, verlor entschieden an Glanz.

 

Eine Hand packte sie und riss sie herum. So plötzlich, dass sie fast das Gleichgewicht verloren hätte. Sie stieß einen leisen Schrei aus, fand stolpernd Halt und starrte in das Vollmondgesicht eines Chinesen.

 

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Violet

- The Wayward Gentlemen 3

 

Lucas’ gute Laune sank rasch, nachdem er sich in das Arbeitszimmer zurückgezogen hatte. Er sichtete die vorliegenden Papierberge, die sich in seiner Abwesenheit aufgetürmt hatten. Dabei trippelte der Gedanke an eine gewisse Gouvernante beständig durch sein Hirn, was weder für die Arbeit hilfreich noch seiner Stimmung zuträglich war.

 

Welch schlechter Witz, dass ihr Vorname Violet war. Wie ihre Augenfarbe. Vielleicht hatte sie sich den Namen selbst gegeben. Dies würde zur frivolen Veranlagung der Frauen und speziell jener der Französinnen passen. Es war seine spontane Idee gewesen, Allegra durch Miss Delacroix mit der französischen Sprache vertraut zu machen, die ihn verlockt hatte, sie in seine Dienste zu nehmen. Allerdings musste er sich nach längerem Nachdenken eingestehen, dass ihn ihre Unerschrockenheit beeindruckte. Er wusste, dass er auf das zarte Geschlecht beängstigend wirken konnte; Allegra warf ihm oft genug an den Kopf, dass er ein schafköpfiger Knurrhahn war. Violet Delacroix schien das nicht zu stören. Außerdem fand er die fast kindliche Neugier, mit der sie aus dem Kutschenfenster gestarrt hatte und ihre unmaskierte Begeisterung für all das Schöne, das sich ihren Blicken bot, sympathisch. Sie hatte offenkundig keine Scheu vor Fremdem und Unbekanntem und das imponierte Lucas. Vielleicht war es doch nicht verkehrt gewesen, sie eingestellt zu haben. Das Leben aus anderen Blickwinkeln wahrzunehmen, angeleitet durch jemanden, der sich mutig Neuem stellte, konnte für Allegra lehrreich sein. Als er sich diesen zunehmend versöhnlichen Gedanken hingab, merkte er, dass er sich besser fühlte und den Kopf freibekam, um sich voll und ganz der Schreibarbeit zu widmen.

 Er hatte sich eben in die Unterlagen vertieft, als es energisch an der Zimmertür klopfte. Ohne sich von seinen Papieren abzuwenden, rief er ein zerstreutes „Herein.“

 „Mylord, ich muss mit Euch sprechen.“ Violet Delacroix stürmte derart forsch in das Arbeitszimmer, dass Lucas vor Schreck einen langen Strich quer über das Dokument schmierte, das er zu unterzeichnen gedachte. Er warf die Schreibfeder hin, ungeachtet der Tatsache, dass nun Tintentropfen über die edle Tischplatte spritzten. Unwirsch sah er auf. Allegras Gouvernante hatte ihr schaudererregendes Reisegewand gegen ein zartgelbes Tageskleid getauscht, dessen Abschlüsse mit cremefarbener Spitze verziert waren. Unwillentlich starrte Lucas auf ihr Dekolleté und den Ansatz ihrer vollen Brüste, und seine Laune nahm arktische Temperaturen an. „Seid Ihr wirklich so dreist, hier hereinzustürzen wie ein Rudel Wildschweine?“

 Miss Delacroix musterte ihn indigniert. „Rotte“, verbesserte sie ihn.

 Lucas blinzelte verwirrt. „Wie bitte?“

 „Es heißt eine Rotte Wildschweine und nicht ein Rudel Wildschweine“, erklärte die Gouvernante.

 Der Himmel bewahre ihn vor einer belesenen Frau! Wenn es etwas Anstrengenderes als eine flatterhafte Frau gab, dann war es ein Blaustrumpf. Tief Luft holend hob er die Hand und rieb sich gefrustet über Wange und Kinn. Violet Delacroix runzelte die Stirn, öffnete den Mund, beschied aber offensichtlich, besser zu schweigen. Er atmete wiederholt ein und aus, eine Methode, die ihm häufig half, sein Temperament zu zügeln. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, dass es dieser Technik in ihrer Gegenwart bedeutend öfter bedürfen würde, als ihm lieb wäre. Er rieb sich die Schläfen. „Was kann ich für Euch tun?“, erkundigte er sich gequält. Die Gouvernante faltete die Hände sittsam vor ihrem Schoß und blickte zu Boden. Immerhin schien sie ein Mindestmaß an Anstand zu besitzen. Der Gedanke, dass Allegras bisherige Erziehung unter Miss Delacroix’ Einfluss keinen Schaden nehmen würde, erleichterte Lucas.

 Sie stieß ein seltsam unterdrücktes Geräusch aus, das verdächtig nach einem Kichern klang, hob die Hand vor den Mund und hüstelte, wohl um das zu überspielen. „Verzeihung“, nuschelte sie. Sie räusperte sich. „Es geht um Lady Allegra, Mylord.“ Sie musterte ihn flüchtig.

 Besorgt fuhr Lucas auf. „Was ist mit ihr?“ Ein neuer Anfall? Himmel, hatte dieses dumme Weib sie sich selbst überlassen?

 „Mit ihr ist alles in bester Ordnung. Sie sitzt im Salon und trinkt Tee.“

 Erleichtert ließ er sich auf seinen Stuhl zurücksinken. „Was liegt Euch auf dem Herzen, Miss Delacroix?“

 „Lady Allegras Gebrechen“, begann sie und sah Lucas forschend ins Gesicht. „Eure Schwester kommt mir nicht vor, als wäre sie in irgendeiner Art und Weise krank. Doch Ihr bestandet darauf, dass ihre Konstitution sich von jener gleichaltriger junger Damen unterscheiden würde. Würdet Ihr mir freundlicherweise näher erklären, was das genau bedeutet?“

 Natürlich musste eine derartige Rückfrage kommen. Schließlich erkannte man Allegras Leiden kaum auf Anhieb. Sie verhielt sich keineswegs wie eine dieser Irrsinnigen in Bedlam, die man gegen Eintritt begaffen konnte. Meist merkte man nichts von der Hysterie, doch sobald sie ein Anfall heimsuchte, verschleierte sich ihr Blick. Ihre Hände zitterten, als litte sie an Schüttellähmung, dann begann sie wirre Dinge zu erzählen. Dabei tanzte sie im Zimmer umher oder erstarrte. Zu anderen Zeiten kippte sie einfach um wie ein gefällter Baum. Alles, was sie benötigte, war eine vertrauenswürdige Person, die ihr Freundin, Beschützerin und Lehrerin sein sollte. Miss Delacroix mochte nicht seiner Idealvorstellung entsprechen, aber offenkundig schien Allegra sie auf den ersten Blick zu mögen. Mit ein wenig Glück hatte seine Schwester eine ganze Weile beschwerdefreie Tage. Zeit, in der sich die beiden näher kennenlernen und anfreunden konnten. Lucas versuchte abzuschätzen, wie die Gouvernante reagieren würde, sobald sie die Wahrheit erfuhr. Bei der Mühe, die es kostete, geeignete Damen für den Posten zu finden, wollte er nicht riskieren, dass Miss Delacroix auf und davon ging, kaum dass sie angekommen war. Ihre Vorgängerinnen hatte er sofort und uneingeschränkt über die Hysterie, wie es Doktor Raynes genannt hatte, in Kenntnis gesetzt. Bisher hatte sich diese Offenheit nie erfreulich für Allegra entwickelt. Er liebte seine Schwester mehr als sein eigenes Leben und er tat alles, was in seiner Macht stand, um sie zu beschützen. Das einsiedlerische Dasein im Lake District hatte er nicht nur deshalb gewählt, weil er die Natur und Abgeschiedenheit bevorzugte. Es war unproblematischer, sich von den anderen Adligen abzuschotten, wenn man sich abseits von ihnen aufhielt. Und die Gelegenheiten für das Personal, Klatsch über ihre Herrschaften auszutauschen, reduzierten sich auf dem Land und mit den passenden Dienstboten ebenfalls um ein Vielfaches.

 

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 Tigerlilie

- The Wayward Gentlemen 1

 

Ein wenig unsicher betrat Anna das Speisezimmer.

 Etliche Kandelaber standen verteilt auf Möbeln und Fensterbänken und erhellten so das Innere mit goldenem Flackern und der Duft und die Wärme der Bienenwachskerzen schwebten in der Luft.

 Annas Blick schweifte umher und blieb an den Männern hängen, die sich engagiert über Fragen der Politik austauschten. Noch hatte keiner von ihnen Anna bemerkt, so musterte sie Christopher ungestört. Er trug sein langes Haar im Nacken mit einem Samtband zusammengebunden, ein altmodisches Accessoire, doch damit wirkte er weniger exotisch und fast gesittet. Sein Frack war von exzellenter Qualität und Passform, ebenso wie die Hose, die sich wie eine zweite Haut um Oberschenkel und Po spannte. Sein ganzes Aussehen war das eines Dandys. Gegen ihn nahmen sich die anwesenden Herren eher wie Enten in Gesellschaft eines Schwans aus. Einzig der unbekannte Gentleman im Raum wirkte auf sie interessant. Er trug eine gelangweilte Maske zur Schau, doch er strahlte etwas aus, das Anna auf eine unbestimmte Art und Weise anzog. Als er sie bemerkte, leuchteten seine Augen auf. Nun wurden auch die anderen Gentlemen auf sie aufmerksam, und Lord Winchester eilte ihr entgegen. „Miss Whitley, Ihr seht bezaubernd aus!“ Er reichte ihr den Arm. „Darf ich Euch mit dem Earl of Pembroke bekanntmachen?“ Gemeinsam gingen sie zu dem Neuankömmling hinüber. „Lucas? Ich möchte dir Miss Anna Whitley vorstellen. Miss Whitley, Lucas St. Clare, der Earl of Pembroke.“

 Sie knickste. „Mylord.“

 Er grüßte sie höflich und gab ihr einen Handkuss. Seine Lippen verharrten einen Moment länger, als es schicklich gewesen wäre über ihrer Hand. „Miss Whitley, sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen.“ Die Stimme des Earls klang rauchig, und die feinen Fältchen um seine Augen vertieften sich, als er sie anlächelte.

 Bronzegoldene Finger umklammerten plötzlich Annas Ellbogen und zogen ihren Arm und damit ihre Hand von Lord Pembroke fort. Irritiert starrte sie Christopher an, der sie besitzergreifend von dem Earl fortriss. Seine Miene war finster, und Anna bemerkte mit Verwirrung die aggressiven Blicke, mit denen sich die beiden Männer taxierten.

 „Wenn Ihr uns entschuldigen wollt? Ich muss mit meinem Mündel ein Wort unter vier Augen wechseln.“ Christopher zerrte Anna aus dem Esszimmer, hinaus in den Flur. Sein Griff war fest, als habe er Angst, sie würde sich losreißen. Dabei lag ihr nichts ferner als weiteres Aufsehen zu verursachen. Ihre kopflose Tat zur Teestunde sorgte für genug Stoff zum Tratschen. Vor einem schweren Brokatvorhang blieb Christopher stehen. In der Nische dahinter gab ein hohes Fenster den Blick auf die nächtliche Landschaft frei. Der Vollmond tauchte die Umgebung in kalten Schein und düstere Schattengebilde verteilten sich über der Gegend. Durch den Fensterrahmen drang ein Luftzug, streichelte Annas nackte Arme und eine Gänsehaut entstand. Wieder einmal fühlte sie Wellen des Zorns durch ihren Körper strömen.

 „Was sollte das? Seid Ihr verrückt geworden?“ Sie schüttelte Christophers Hände ab. „Wie könnt Ihr behaupten, ich wäre Euer Mündel? Ich bin doch kein Backfisch! Und dass Ihr mich zu allem Überfluss wie einen solchen behandelt habt, ist der Gipfel der Unverschämtheit!“ Sein brennender Blick ließ sie innehalten. Ihr Herz pochte wie ein panisches Vögelchen in der Brust. Gerne wäre sie zurückgewichen, aber hinter ihr befand sich die Wand.

 „Dir ist mein Ruf sicherlich zu Ohren gekommen. Ich tue, was immer mir beliebt!“ Sein Finger zeichnete die Kinnlinie nach, und die Haut brannte, wo er sie gestreift hatte. Er trat näher, sodass sich ihre Körper beinahe berührten.

 „Ich mag Euch nicht. Ihr seid kein netter Mann“, krächzte Anna.

 Christophers Mund nahm den ihren in Besitz. Seine Lippen, fest und unnachgiebig, zwangen die ihren auseinander. Sie wimmerte und machte einen halbherzigen Befreiungsversuch, den er mit einer entschlossenen Umarmung erwiderte. Die rechte Hand lag in ihrem Nacken, und die langen Finger liebkosten die zarte Haut, während sein linker Arm ihre Hüfte umschlang. Sie hatte der Umklammerung kaum etwas entgegenzusetzen und wollte es auch nicht. Heißes Verlangen flutete ihr Innerstes, brodelte in den Adern und schien auf ihrem Leib zu verdampfen. Sie seufzte an seinen Lippen. Der Kuss war nicht der erste ihres Lebens, doch er versetzte sie in nie gekannten Aufruhr. Die Überraschung und Intensität der Emotionen ließen Anna taumeln. Sie sank gegen Christopher und erwiderte die Liebkosung, obwohl sie eher hätte versuchen sollen, sich zu befreien. Ohne ihr Zutun wanderten die Hände unter seinen Frack. Sie ertastete einen festen, muskulösen Leib. Er keuchte und mit einem Mal schaltete sich ihr Verstand ein. Was tat sie da? Durch den Nebel der Sinneslust drang die Furcht. Sie kämpfte gegen Christopher an, und schließlich gab er sie frei. Wildes Feuer glomm in seinen Augen, und das Versprechen, das sie darin las, hätte sie beinahe wieder in seine Arme getrieben. Ihr ganzer Körper zitterte und pulsierte, und sie war sich seiner Gegenwart schmerzhaft bewusst.

 „Wie ich schon sagte: Du bist alles andere als ein netter Mann!“, fauchte sie aufgebracht. Nach allem, was er ihr zumutete, nahm sie sich nun ebenfalls die Freiheit heraus ihn vertraulich anzureden.

 Er trat einen Schritt zurück und schenkte ihr ein überhebliches Lächeln. „Du magst keine netten Männer.“

 Anna schnappte empört nach Luft und starrte Christopher fassungslos nach, als er im Esszimmer verschwand. Dann sank sie gegen die Wand und hob die Hand an die Lippen. Noch immer glaubte sie seinen fordernden Mund zu fühlen und die Hitze seines Körpers brannte an ihrem. Es verwirrte und erschreckte sie zutiefst, dass sie so empfand. Sie durfte nie vergessen, was für ein Mann er war! Doch warum sehnte sie sich danach, erneut seinen Mund, seinen Körper zu fühlen? Sie ahnte die Antwort, nein, sie spürte es! Ihr war, als schwebte sie auf Wolken und ihr Verstand war von den Emotionen komplett überwältigt und gelähmt. Das gefiel ihr nicht. Zitternd rang sie nach Luft, kämpfte gegen die Tränen an, die in ihr hochsteigen wollten, weil sie sich in Erinnerung rief, dass Christopher sie nur als Mittel zum Zweck ansah. Sie war verzweifelt und fühlte sich gedemütigt und brauchte einen Moment, ehe sie sich wieder im Griff hatte, ihre Kleider ordnete und aus der Nische heraustrat.

 

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Pirat meines Herzens

 

Nie hatte er etwas Jämmerlicheres gesehen als Magnus, der erschöpft von seiner Arbeit als Pulverjunge, fast mit dem Gesicht in der Suppe landete. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte Brian, dann entschied er, auf diesen Anblick zu verzichten und griff sich den Burschen. Er war federleicht und Brian fasste es kaum, dass dieses Fliegengewicht Pax zu Boden gestreckt hatte. Der Mann war kampferprobt, ging keinem Streit aus dem Weg und war schon wegen der Geübtheit einem Jungen überlegen.

 

Er schmunzelte. Vielleicht wurde aus dem Kleinen noch ein passabler Pirat. Im selben Moment stieß Magnus ein röchelndes Schnaufen aus, das kein bisschen männlich, sondern eher niedlich klang und das rief Brians Verdacht bezüglich Magnus’ Geschlecht wieder in Erinnerung. Prüfend starrte er den Schiffsjungen an. Er schlief tief und fest, jetzt war der rechte Zeitpunkt, um seine Anschuldigung zu bestätigen, ohne dass es der Junge mitbekam. Was für ein Captain wäre er, wenn er nicht einmal die Geschlechtszugehörigkeit seiner Crew erkannte? Kurzentschlossen legte er den Neuling auf das Bett. Der Bursche seufzte zufrieden und kuschelte sich an das weiße Laken. Brian blinzelte und musterte ihn aufmerksam, als könnte ihm das zarte Gesicht, die üppigen Wimpern, die wie schwarze halbmondförmige Seidenfächer auf den Wangen ruhten und die vollen Lippen verraten, ob Magnus tatsächlich ein Mädchen war. Kopfschüttelnd trat er zurück und ließ den Blick über den Körper des Jungen gleiten. Nichts bewies diese Vermutung eindeutig, weder gab es unter dem lockeren Hemd Anzeichen für einen Busen noch runde Hüften. Nachdem er eine Weile dagestanden und das Objekt seines Misstrauens gemustert hatte, gab er sich einen Ruck. Auch wenn es ihm widerstrebte, so musste er seine Zweifel endgültig ausräumen. Magnus drehte sich eben in die Rückenlage, so war es für Brian ein Leichtes, das Oberteil hochzuschieben. Um die Brust waren Bandagen gewickelt, eigentlich war für ihn damit alles klar, es gab keine Anzeichen einer Verletzung, weshalb sollte sich der Bursche also verbinden? Grimmig starrte er darauf und überlegte, ob er die Binden zerschneiden wollte, entschied aber, sich absolut zweifelsfrei Gewissheit zu verschaffen, ohne dass Magnus bemerkte, dass er enttarnt worden war.

 

Er öffnete die Hose des Kerls und sah nach. Da war nichts. Weder Penis noch Hoden.

 

Brians Finger berührten versehentlich die zarte Haut oberhalb ihres Schamhügels. Während er erschrocken zurückzuckte, seufzte Magnus im Schlaf genießerisch. Dieser Laut ging ihm durch und durch. Intuitiv reckte sich die junge Frau den Fingern Brians entgegen, vertrauensvoll und ahnungslos, dass ihre Tarnung gelüftet worden war. Was er ihr zufügen könnte, wenn er dergleichen im Sinn gehabt hätte! Stattdessen geisterten die Dinge durch seinen Kopf, die er ihr antun sollte. Seine Zähne pressten sich so fest aufeinander, dass sich seine Nackenmuskeln verspannten. Er starrte auf das Gesicht Magnus’ und plötzlich lag die Wahrheit kristallklar vor ihm. Wie hatte er es übersehen können? Aus welchem Grund hatte er sie nicht auf den ersten Blick durchschaut? Es war mehr als offensichtlich: die zarte Haut ohne jeden Bartflaum und die femininen Gesichtszüge mit den großen, grünen Augen, von denen nur die zottelige Haarmähne ablenkte. Er begriff, weshalb die Frisur gar so wild aussah, sie musste sie sich in aller Eile selbst abgesäbelt haben. Aber warum? Diese Frage gab ihm das größte Rätsel auf. Nicht eine Frau auf der Esmeralda hatte vor den Piraten etwas zu befürchten gehabt. Sie waren tabu, das wusste die Crew der Revenge. Was erzählt wurde, war Brian einerlei, für ihn galten Taten und seiner Regel, Frauen, Kindern und Greisen kein Haar zu krümmen, unterwarfen sich die Männer widerspruchslos.

 

Noch immer ruhte seine Hand an ihrer Scham und nun nahm er sie fort, als habe er sich verbrannt. Er schluckte hart und fühlte eine Vielzahl an Empfindungen in sich toben. Erst als er gegen die Wand stieß, merkte er, dass er zurückgewichen war. Sein Blick saugte sich an der jungen Frau in seinem Bett fest. Sie hatte sich nicht nur in eine verflucht prekäre Lage gebracht. Auf einem Piratenschiff herrschten strenge Regeln. Eine davon lautete: Keine Frauen an Bord! Die andere besagte, dass die Mannschaft ein Mitspracherecht bei allen wichtigen Entscheidungen hatte. Und was verlangte mehr nach einem Tribunal der Crew als ein Weibsbild, das sich einen Platz unter seinen Männern erschlichen hatte? Entschlossen stapfte er an den Rand der Matratze.

 

Eigentlich ein Jammer, Magnus war ein hübsches Ding, mutig und fleißig. Aber Piratengesetz war bindend. Auch für ihn. Er durfte die Regeln nicht nach eigenem Gutdünken auslegen.

 

Er fasste sie am Oberarm und ehe er sie aus dem Bett zerren konnte, legte sich ihre Hand auf die seine. Sie war weich und warm, der Griff fast zärtlich und als er einen Blick auf ihr Gesicht warf, sah er, dass ein sehnsüchtiges Lächeln über ihre Miene glitt. Der Ausdruck traf ihn mitten ins Herz.

 

Er schluckte hart, während er seinen Pulsschlag bis in den Wangenknochen pochen fühlte.

 


Ghost Lover

 

Weil es mittlerweile regnete, entschied sie sich, den lange fälligen Hausputz in Angriff zu nehmen.

 Ella schrubbte gerade das Cerankochfeld, als Sofie kam.

 „Hallo, ist jemand da?“, rief sie von der Eingangstür her.

 „Komm rein, ich bin in der Küche.“

 Mit selbstzufriedenem Gesichtsausdruck schlenderte Sofie herein. Sie trug ein Baseballcap und ein Fußball-T-Shirt zu engen Radlerhosen, auf denen einzelne Wasserflecken zu sehen waren.

 „Setz dich. Sportliche Aufmachung.“ Ella stellte ihr eine Kaffeetasse hin, ehe sie sich mit ihrer eigenen Tasse und der Kanne dazugesellte. „Bist du in den Regen geraten?“

 „Ich bin mit dem Rad unterwegs und ein paar Tropfen haben mich tatsächlich erwischt.“ Sofie nahm ihr Cap ab und legte sie neben sich auf den Tisch, ehe sie durch ihr Haar fuhr. Dieses stand daraufhin in alle Richtungen ab, als hätte sie einen Stromschlag erhalten.

 „Ich war drüben im Nachbardorf. Artie, der Pubbesitzer hat eine Tante mit Koffern voller Papiere aus der Umgebung.“ Sofie machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ich habe Stunden über diesen Schriften verbracht und rate mal, was ich über den verschwundenen Wyndham-Knaben herausfinden konnte?“

 „Den Namen?“

„Yo“, sagte Sofie und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

 „Anthony Marcus Adam Nicholas Stapleton, Viscount Wyndham“, murmelte Ella.

 „Was?“

 Ella lächelte verkniffen und winkte ab.

 „Ihr habt nach mir gerufen, Mistress Francke?“, fragte eine männliche Stimme dicht an ihrem Ohr.

 Sie zuckte zusammen und sah sich Marcus’ Gesicht so nahe gegenüber, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Sie rückte von ihm ab, indem sie den Stuhl wechselte.

 Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn nun setzte er sich auf den frei gewordenen Platz. Er rekelte sich und streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus.

 „Ist alles in Ordnung?“, wollte Sofie stirnrunzelnd wissen.

 „Ja, natürlich, ich hatte nur das Gefühl, auf einem Nagel zu sitzen und an meinem Ohr hat auch noch etwas gebrummt.“ Sie warf ihm einen zornigen Blick zu.

 Er lachte und es klang für ihre Begriffe viel zu sexy. „Sie kann mich nicht sehen, Mistress Ella, und hören ebenso wenig.“

 „Ich glaube, es war ein dicker, fetter Käfer.“ Sie tat, als überhörte sie Marcus’ empört-amüsiertes Schnauben.

 „Ich habe nichts gesehen.“

 Ella winkte ab. „Vielleicht habe ich auch nur Wasser vom Duschen im Ohr. Du wolltest mir den Namen des Offiziers verraten.“

 „Lord Wyndham“

 „Lord Wyndham?“, echote sie.

 „Meine Güte, Mistress Ella, wenn dies unsere erste Begegnung wäre, hielte ich Euch für debil. Unzweifelhaft wollt Ihr Eurem Gast kaum einen derart schockierenden Eindruck vermitteln?“

 Sie wagte nicht, Marcus anzusehen, doch sie war überzeugt, dass er sich über sie lustig machte. Sie beschloss, ihn zu ignorieren. „Ein waschechter Adliger also. Bestimmt ein Waschlappen.“

 „Ich bin erschüttert, dass Ihr mich so echauffiert, Mistress Ella. Ich denke zumindest, dass Ihr mich soeben beleidigt habt, auch wenn ich nicht verstehe, was ich mit einem Stofffetzen gemein haben soll.“

 Unerschütterlich setzte sie ihre Tirade fort: „Vermutlich fett, verblödet und von Inzest gezeichnet. Vielleicht sogar von Syphilis befallen.“

 „Ella, geht es dir wirklich gut?“ Sofie sah beunruhigt aus.

 Ella zwang sich zur Ruhe, obwohl ihr in Marcus’ Nähe sämtliche Sicherungen durchzubrennen drohten. „Ja, ja, weißt du, ich lese gerade ein Buch über Adlige und da kommen sie nicht gut weg.“

 „Na ja, also unser Lord Wyndham wurde zwar nur kurz, aber positiv erwähnt.“ Sofie blickte nachdenklich an die Decke.

 „Hört Ihr? Ich war ein ganz passabler Bursche.“ Er verschränkte die Arme selbstzufrieden vor der Brust und lehnte sich zurück.

 Ella ignorierte sein überhebliches Grinsen und erst recht die blasierte Bemerkung.

 „Wenn ich mich recht entsinne, las ich etwas in der Art, furchtlos und von Frauen umschwärmt.“

 „Ha! Ich wusste es doch, einer von der Sorte!“

 „Was beliebt Ihr damit auszudrücken?“, erkundigte sich Marcus in charmantem Plauderton.

 Wie sie sein Gehabe auf die Palme brachte! Er schien das Ganze auch noch zu genießen! „Ein Schürzenjäger, Lebemann, kurzum ein adliger Taugenichts, wie er im Buche steht“, rief sie.

 Marcus gab sich beleidigt. „Wo habt Ihr von dergleichen Schuften gelesen?“ Ella vergaß Sofies Anwesenheit und wandte sich ihm zu.

 „In historischen Liebesromanen. Solche wie Sie haben nichts anderes im Sinn als unschuldige Frauen in Verwirrung und Nöte zu stürzen.“

 „Madam, ich bezweifle, dass derartige Literatur für zartbesaitete Damen geeignet ist.“

 „Die Romane werden von Frauen geschrieben“, schrie sie aufgebracht.

 „Und diese Amazonen der Schreibfeder kennen Männer wie mich?“

 „Männer wie Sie sind bereits ausgestorben!“

 Er drückte seine Hand auf die Brust. „Autsch, das traf. Ich bin tot, wie Ihr bemerkt haben dürftet.“ Er schenkte ihr ein Lächeln, das Ella nur mit viel Wohlwollen als zurückhaltend bezeichnen konnte.

 Sofie stand auf und schickte sich an, auf dem Stuhl neben Ella Platz zu nehmen. Marcus vermied eine Kollision, indem er, nach wie vor grinsend, mit einer knappen Verneigung verschwand.

 „Was ist denn los mit dir, Ella?“ Sie umschloss Ellas linke Hand mit den ihren und schien aufrichtig besorgt.

 Ella brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Ich habe einfach schlecht geschlafen.“ Sie tätschelte Sofies Handrücken. „Ich muss nur früh zu Bett und ausruhen, dann ist alles wieder im Lot.“

 Die andere wirkte skeptisch. „Du bist hier ganz allein. Für jemanden aus der Großstadt kann das beängstigend sein. Diese Idylle, kaum Ablenkung, kein Lärm.“

 Ella tätschelte sie. „Aber nein.“ Sie lachte und der Laut kam ungewohnt und rau über die Lippen. Wenn Sofie nur wüsste. Dass ihre neue Freundin nun glaubte, sie hätte ein Problem, war allein die Schuld dieses Hui-Buh-Verschnittes. Wenn ihr dieser eingebildete Fatzke von Hausgeist noch einmal über den Weg lief, würde sie einen Exorzismus im Haus durchführen lassen.

 „Ich kam doch hierher, um Ruhe und Frieden zu haben.“ Und genau das war scheinbar das Einzige, das sie in Maidenly Green nicht finden konnte. Und um obendrein nicht noch als durchgeknallt verrufen zu sein, musste sie sich alle Mühe geben, Sofies Bedenken zu zerstreuen, damit die sich später beruhigt auf den Rückweg zum Pub machen würde.

 

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Der Cowboy im Tutu
Die Delaneys 2


Für einen Moment scheint die ganze Bar schockiert die Luft einzusaugen. Wenigstens bilde ich mir das ein. Mein Blick klebt auf Johns weißem Hemd, auf dem sich in Windeseile der Rotwein wie ein Blutfleck ausbreitet. Die Vorderseite des Stoffes haftet wie eine zweite Haut an ihm und lässt kaum Spielraum für die Fantasie.

 Ich schlucke gegen meine Beschämung an und versuche das Pochen und die Hitze in meinen Wangenknochen niederzuringen. Erfolglos. Da ich ihn irgendwann ohnehin angucken muss, hebe ich den Kopf und begegne seinem Blick blinzelnd. Haselnussbrauner Ärger trifft mich. Ein fetter Rotweinspritzer prangt oberhalb seines Mundwinkels, und als der Tropfen sich löst und am Mund vorbeischlängelt, verspüre ich unbändige Lust, mich vorzubeugen und ihn mit der Zungenspitze aufzufangen.

 „Was hab ich dir getan?“, flüstert John deutlich angepisst, während er den Wein mit einer zornigen Geste aus seinem Gesicht wischt.

 „WAS?“

 Er runzelt die Stirn und kommt mir in diesem Moment vor wie ein wütender Monchichi. Bevor er sich weiter äußern kann, taucht Nancy auf, in der einen Hand einen Wischmopp und in der anderen ein Geschirrtuch, das sie John reichen möchte. Weil der nicht danach greift, nehme ich es entgegen und will anfangen seine Brust abzutupfen. Er entreißt mir das Tuch und funkelt mich angesäuert an.

 Ich ignoriere das Brennen auf meinem Gesicht sowie das Getuschel und leise Gekicher im Hintergrund. Mir wird heiß und schlecht und schwindlig.

 „Ganz ruhig, Kinder“, lässt sich Nancy vermelden. „Was haltet ihr davon, wenn ihr euch in die hinteren Räume zurückzieht? Wir finden bestimmt ein sauberes T-Shirt für dich, John.“ Ungerührt schiebt sie den Mopp zwischen uns und wischt die wenigen Tropfen auf, die auf dem Fußboden gelandet sind. Das dauert keine zehn Sekunden. Sie macht eine auffordernde Kopfbewegung. „Komm mit, John. Spencer hat sicher nichts dagegen, wenn wir dir eins der Kellner-T-Shirts geben.“

 Im ersten Moment wirkt er nicht begeistert. Zwar sind die T-Shirts weiß und schlicht, aber auf der Brust prangen handtellergroß das Logo und der Name der Bar.

 Vielleicht ist es Nancys schlüpfriges Grinsen, das ihn dazu bewegt, mitzukommen, oder das unangenehme Gefühl des nassen Stoffes, auf jeden Fall läuft er ihr hinterher. Ich folge den beiden. Meine Wangen glühen. Als wir an der Theke vorbeigehen, stelle ich das Weinglas ab.

 Inzwischen haben sich die meisten Gäste abgewandt. Dennoch fühle ich weiterhin Augenpaare auf uns ruhen, als wir in den Privatbereich hinter der Theke geführt werden. Nancy stößt die Tür zum Umkleideraum auf. Der Raum ist karg, an der einen Seite reihen sich zwei Spinde, ein Stuhl, ein Spülbecken sowie eine Waschmaschine nebeneinander. Gegenüber stehen ein Trockner und ein schmales Regal, auf dem sich unter anderem Geschirrtücher und T-Shirts stapeln. Zielsicher zieht Nancy eines aus dem Stapel und reicht es John. „Da, das müsste passen.“

 Ihr Blick gleitet anerkennend über ihn, ehe sie sich abwendet und mir verschwörerisch zuzwinkert. „Schließt die Tür, wenn ihr fertig seid.“ Damit lässt sie uns allein zurück.

 Er starrt mich vorwurfsvoll an. Besäße ich ein Fünkchen Vernunft, würde ich das Weite suchen.

 „Warum stehst du hier rum? Ich kann mich alleine umziehen.“

 Ich nicke kurz. „Davon gehe ich aus.“ Unschlüssig lecke ich mir über die Lippen und werde nervös, als ich merke, dass John mich fixiert. „Ich wollte dir anbieten, den Rotwein aus deinem Hemd zu waschen.“

 „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Bei deiner Freude daran, mir das Leben schwer zu machen, habe ich Angst, was du in diesem Fall mit meinem Lieblingshemd anstellen könntest. Außerdem ziehe ich mich ungern vor dir um.“ Nichtsdestotrotz beginnt er, das Oberhemd aufzuknöpfen, während ich noch mit mir ringe, was die richtige Reaktion auf seine Behauptung wäre.

 Der Stoff gleitet über seine starken Schultern. Normalerweise ist die Vorstellung, einen attraktiven Mann mit solch einem Körperbau nackt vor mir zu sehen, ziemlich heiß, aber im Moment raubt mein Gemütszustand der Situation jegliche Erotik. Dennoch riskiere ich einen zweiten Blick, bewundere den goldgetönten Brustkorb, die definierten Muskeln, den flachen Bauch und erinnere mich an seine zärtlichen Lippen. Mein Mund wird trocken und in meinen Ohren beginnt der Pulsschlag zu dröhnen. Ich bin wirklich am Arsch. John geht mir mehr unter die Haut, als gut für mich ist. Eigentlich sollte ich augenblicklich verschwinden, doch ich harre aus, wie festgeklebt. Weil schweigend herumstehen und ihn anhimmeln peinlich ist, öffne ich den Mund. „Es tut mir ernsthaft leid, John! Du musst mir glauben, dass es ein Versehen war.“

 „Aha“, gibt er von sich. Ansonsten bleibt er stumm, was mich zunehmend unsicher werden lässt. Was geht in ihm vor?

 Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass sein markantes Kinn wie mit dem Lineal gezogen scheint und in der Mitte ein Grübchen besitzt, das verlockt, es nachzufahren und zu küssen. Die Art, wie er sich über die glatt rasierten Wangen reibt und mich dabei anstarrt, jagt mir wiederholt Blitze durch den Leib. Außerdem riecht er verführerisch. Wie nach einem Winterspaziergang im Wald.

 „Nun sag doch was!“ Verfluchter Mist, ich fühl mich wegen des Hemdes wie eine Schwerverbrecherin.

 „Du schaffst es, dass man dich abwechselnd übers Knie legen oder in den Arm nehmen und trösten will“, platzt es aus ihm heraus. Er presst seine Lippen fest aufeinander, sodass sie schmale Striche sind, dabei ist es ein schöner, sinnlich geschwungener Mund. Ein paar Sekunden vergehen. „Ich habe Angst, was geschieht, wenn man dir Pfefferspray, ein Messer oder Schusswaffen in die Hand drückt. Verdammt, du bist entweder die tollpatschigste oder angriffslustigste Frau, die mir je untergekommen ist!“

 Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass er mich beleidigt hat und jedes Wort genau so gemeint hat, wie es geklungen hat. Es dauert ungefähr zwei weitere Atemzüge, bis der Ärger in mir die Oberhand gewinnt. „Na hör mal, wenn du nicht in mich hineingerannt wärst, wäre das nie passiert!“ Wütend wirble ich herum und reiße die Tür auf.

 

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Ein Penner unterm Weihnachtsbaum

Die Delaneys 1

 

Hochzeiten deprimieren mich zutiefst.

 

Deshalb drücke ich mich auf dem Empfang nach der Trauung in einer Ecke herum, umklammere krampfhaft mein drittes Sektglas, vielleicht ist es auch das vierte oder fünfte, und mache mich möglichst unsichtbar.

 

Für eine Singlefrau ohne Aussicht auf einen passenden Partner sind derartige Feiern die Hölle. Hochzeiten, Taufen, Verlobungen, die Top drei der Horror-Familienfeste.

 

Am liebsten würde ich jedes Mal absagen und meist vermeide ich mein Kommen erfolgreich, doch bei der Hochzeit von Cousine Beverly gibt es keine Ausflüchte für mich. Es sei denn, ich möchte mir anschließend für den Rest meines Lebens Vorhaltungen anhören.

 

Genervt beäuge ich meine perfekte Cousine. Der Saal, den die Eltern der Braut, Tante Bethany und Onkel Dave, gemietet haben, ist geschmackvoll dekoriert. Die Rosengestecke sind farblich auf das Kleid der Braut abgestimmt, auf den Tischen sind weiße Damastdecken ausgebreitet, blitzendes Besteck und edel wirkendes Porzellan dienen als Gedeck. Die Gäste haben sich dem Anlass entsprechend allesamt in Schale geworfen. Sogar Onkel Humphrey, der Onkel meines Vaters trägt eine Krawatte und eine ordentliche Scheitelfrisur, was sein Aussehen so sehr verändert, dass ich ihn vor der Kirche kaum erkannt habe.

 

Wieder blicke ich zu Beverly, dem blonden Rauschgoldengel mit der sanften Stimme. Sie ist sicherlich der Traum aller Eltern und Schwiegereltern. Gleiches trifft auf ihren Verlobten Rupert zu. Mit seinem pechschwarzen Haar und dem männlichen Bass, der seiner Stimme sonore Tiefe verleiht, sieht er nicht nur gut aus, nein, er schafft es überdies, am laufenden Band kluge und humorvolle Kommentare von sich zu geben. Dass er in seiner Perfektion langweiliger als eine Valium wirkt, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen, oder?

 

Immerhin gibt es einen Punkt, der den Highscore der Perfektion zerstört. Seinen Nachnamen: Everly. Meine Cousine heißt künftig also Beverly Everly. Das hört sich nach einem bescheuerten Countrysong oder einem extrem schlechten Witz an! Während ich missmutig die anderen Gäste beobachte und mich nicht dazu durchringen kann, meinen Eltern und meinen vier Brüdern Gesellschaft zu leisten, nimmt das Unheil in Gestalt von Tante Muriel und Großtante Heather Fahrt auf. Ein leichter Anflug von Panik erfasst mich, als ich sehe, dass sie mich ansteuern.

 

Ich mag meine Tanten. Wirklich. Ich will sie nur nicht in meiner Nähe haben. Beide stammen aus meiner Familie mütterlicherseits und dieser Teil der Verwandtschaft ist regelrecht besessen von Ehe und Mutterschaft. Zwar akzeptieren sie die modernen Zustände, doch es will keinem von ihnen in den Kopf, dass eine Frau es vielleicht nicht als höchstes Lebensziel betrachtet, einen Mann mit einem Ring auf ewig an sich zu binden und auch nicht glückstrahlend etwas von der Größe einer Honigmelone durch eine Öffnung so winzig wie eine Walnuss zu pressen. Dummerweise sind ausgerechnet Tante Muriel und Großtante Heather die unerschütterlichsten Vertreterinnen dieser archaischen Einstellung.

 

„Piper!“, zwitschert Großtante Heather und lächelt mir mit ihrem Pferdegebiss so breit entgegen, dass ich Angst habe, ihre Zahnprothese könne herausrutschen.

 

Beide haben sich zur Feier des Tages schick gemacht und tragen ihre besten Kleider und ihren teuersten Schmuck.

 

„Tante Heather.“ Ich umarme und küsse sie auf die faltigen, trockenen Wangen. Sie riecht nach Lavendel und Vanille. Der Duft beruhigt mich ein wenig.

 

Tante Muriel, eher robust und energisch, wohingegen Heather sanft und freundlich ist, drückt mich nun ebenfalls an sich. Sie war einst Lehrerin auf einer Militärbasis, man munkelt, ihre einzige Motivation seien die strammen Soldaten gewesen. Auf jeden Fall hat sie sich ihren Traummann geangelt: Fast fünfzig Jahre war sie mit Onkel Victor verheiratet, den alle nur ehrfurchtsvoll den Major genannt haben.

 

Großtante Heather mustert mich aufmerksam, während sie aus ihrer Handtasche einen Spitzenfächer zerrt, schwungvoll aufklappt und sich Luft zuwedelt, obwohl wir in der Nähe der offenen Tür stehen und damit angenehme Temperaturen herrschen.

 

„Meine liebe Piper“, beginnt Heather derart salbungsvoll, dass ich am liebsten sofort auf und davon wäre. Ich weiß, was kommen wird. „Meine liebe Piper, wann werden wir denn zu deiner Hochzeit eingeladen?“

 

Hochzeit? Ich grinse verkrampft, weil ich nach unzähligen Familienfesten, an denen wir aufeinandergetroffen sind und ich wieder und wieder die gleichen Fragen beantwortet habe, keine Lust mehr verspüre, mich zu erklären.

 

Die alten Damen beginnen auf mich einzureden, und da ich das schon kenne, verschwimmt mein Blick und mein Verstand driftet davon. Am Rande bekomme ich mit, wie sie mir den Status der Ehefrau als Gipfel der Vollkommenheit und des Glückes anpreisen. Lang und breit erläutern sie mir, wie sich Frau und Mann gegenseitig Hilfe und Halt im Leben sind.

 

Das Einzige, wofür ich eine Stütze brauche, ist mein wackelnder Couchtisch. Vermutlich werde ich die Dankeskarte von Rupert und Beverly Everly drunter schieben, überlege ich mit diabolischem Rachedurst, während ich das perfekte Brautpaar dabei beobachte, wie es mit einigen Gästen plaudert. Sie sehen so glücklich aus, und Tante Bethany scheint jeden Moment vor Stolz zu platzen. Es muss schön sein, zu wissen, dass da jemand ist, mit dem man sein restliches Leben teilen darf. Außerdem fände ich es ganz angenehm, nicht ständig von allen wie das sprichwörtliche schwarze Schaf behandelt zu werden, nur weil ich keinen potenziellen Ehemann vorweisen kann. Bevor ich mich zurückhalten kann, sprudeln die Worte aus meinem Mund: „Mein Verlobter hätte mich wirklich gerne zur Hochzeit begleitet. Aber er musste geschäftlich nach Asien fliegen.“

 

Ich drehe mich um und mache einen Abgang, während Tantchen und Großtantchen mit offenen Mündern dastehen. Als ich ein weiteres Glas Sekt von einem Tablett nehme, das ein Kellner an mir vorbeiträgt, überfällt mich Scham. Was habe ich getan? Die beiden können doch nichts für sich behalten und werden sofort jedem davon erzählen.

 

Das Worst-Case-Szenario tritt tatsächlich schneller ein, als mir lieb ist …